Lars W.
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Ich sitze zu einem Flamingo-Party-Event eingeladen mit rund zwanzig anderen Personen an einer Bierzeltgarnitur unter einem Partyzelt im Garten hinter einem Reihenhaus. Es ist ungewöhnlich schwül, als nach über eine Stunde Verzögerung - die ersten Trinkkostproben sind längst leer und erinnern an Multivitaminsaft - die "Show" beginnt. Die Gastgeberin wird in der verbleibenden Stunden vielleicht 2-3 Sätze von sich geben und erläutern, dass ihre schwere Krankheits- und Überwichtsphase fast magisch durch eine Stoffwechselkur beendet wurde. Sie überlässt die Präsentation der verkaufserfahreneren Kollegin A., die berichtet, wie sie irgendwo auf der Suche nach Entenhausen hier gestrandet sei und beschreibt mit einem Ballon, einem Smilie, einem noppenförmigen Putzlappen und so etwas wie einem Wurmfortsatz an einem Flipchart der aufmerksamen Übergewichtsgemeinde ihren 3-min-Pitch-Ansatz, der dann doch weit über 15 min Zeit kostet. Schlussendlich verzaubert sie mit ihrem Lächeln die schmelzende Zuhörerschaft und lässt nicht unerwähnt, dass man die Komplexität der Darmreinigung gut mit einer Schere als Symbol und ein paar Verklumpungen beschreiben könnte und dafür nur möglichst geheimnisvoll einen Kunden in seinen Bann anlocken müsste.
Details zur Wirkung der Reinigungskur, der Zusammensetzung oder Dauer der Anwendung bleibt sie bei einem 30-Tage-Rückgaberecht ebenso schuldig, wie auch die Frage, warum "mehr essen" eigentlich zu "weniger Gewicht" führen soll. Es ist halt eine Glaubensfrage. In allen anderen Fällen muss die Produktlinie zweifelsohne nicht ergänzend sondern als Substitut fungieren. Gerade deshalb wäre es wichtig zu wissen, ob man die Produktlinie langfristig auch durch gesunde, nicht Dosen- oder Tütenprodukte ersetzen könnte oder sich eine lebenslange Abhängigkeit ergibt.
Man müsse sich auch ab und zu auch mal was gönnen, heißt es da im Tenor der Präsentation. Man mag vermuten, dass einige Leidtragende davon durchaus schon Gebrauch gemacht haben.
Ich kann nicht sagen, ob die Produktlinie etwas taugt. Wenn es zu mystisch oder magisch wird, kommen stets bei mir aber Zweifel auf. Es mag und wird wohl so sein, dass einige Menschen mit diesen Produkten erfolgreich Kilos verloren haben, aber ebenso wie wir nicht alle die gleiche Ernährung, das gleiche Alter oder die gleiche Hautfarbe oder das gleiche Mikrobiom haben, erwecken solche Allheil-Rezepte zumindest in mir Zweifel.
Das größte Fragezeichen bleibt bei mir letztendlich nach zwei Stunden aber, nachdem ein Teil der Zuhörer längst verschwunden ist, wieso man zum Schluss Kuchen, Würstchen oder Alkohol zur "Aftershow"-Party reicht. Vielleicht ist das ein Teil unserer Gesellschaft oder sogar Kultur, dass wir uns letztendlich mit Kohlenhydrat-haltigen Produkten fürs Ausharren belohnen und uns dafür feiern, nicht alles wirklich zu verstehen, sondern die großen Wunder der Welt, einer Schlankheitsspritze oder einer Stoffwechselkur überlassen zu wollen. Wie man damit Geld verdient, dass man schon früher nicht gerne in der Schule an die Tafel wollte und wie das eigentlich mit dem Gewerbe und der Umsatzsteuer verläuft, wenn man "einsteigt", bleibt hier natürlich unphilosophiert. All das verstehen wir oft nicht, aber Ambiguitäten oder unausgesprochene Fragen nach dem 5. Nicken zum "Ja!!!!" sind halt oft Teil des Konzepts von Network Marketing.